Presse Konzert Jobarteh Kunda

Eine schöne Kritik von der Chiemgauer Zeitung “Weltmusik fĂŒr das Hier und das Jetzt”

Von Andreas Falkinger
Altenmarkt. Ja, diese Weltmusik. Damit angefangen hat John Coltrane in den 60ern, dann entwickelte sich in den USA die krude Mixtur aus Jazz, Pop, afrikanischen, lateinamerikanischen und hawaiianischen KlĂ€ngen, genannt Exotica. Die Beatles und die Stones experimentierten mit arabischer und indischer Musik, danach war Ruh‘ – bis Peter Gabriel und Paul Simon in den 80er Jahren afrikanische Musik entdeckten. Und dann wurd’s inflationĂ€r. Man lĂ€sst ein paar Musiker aus unterprivilegierten LĂ€ndern mitspielen, erzĂ€hlt von den Heerscharen unentdeckter Virtuosen des Schwarzen Kontinents, lĂ€sst sich inspirieren von der UrsprĂŒnglichkeit ihrer Musik, der archaischen Rhythmik, fĂŒhlt sich geerdet, verwurzelt, authentisch und total ethno. Das hat was von Selbstfindung durch therapeutisches Percussionieren in der Meditations-Trommelgruppe. In der Regel. Es geht aber auch anders. Das haben Jobarteh Kunda beim Baumburger Kultursommer gezeigt.

Werner Sturm ist einen anderen Weg gegangen. Er baut afrikanische Elemente und KĂŒnstler nicht dekorativ in seine Musik ein – er ist es, der sich assimilieren ließ. Der gebĂŒrtige MĂŒnchner, der in Niederbayern aufgewachsen ist, Schreiner gelernt und danach in MĂŒnchen Schlagzeug studiert hat, gelangte als 23-JĂ€hriger nach Gambia. Dort wurde er von der hoch angesehenen Familie Jobarteh aufgenommen, wurde in afrikanischer Geschichte unterrichtet, lernte die 21-saitige Harfenlaute Kora zu spielen, wurde in der Kunst des GeschichtenerzĂ€hlens unterwiesen, wurde zu einem Teil der Familie Jobarteh und schließlich zum ersten weißen Griot.

Das sind professionelle SĂ€nger, Dichter und Instrumentalisten, die dazu beitragen, dass traditionelles Wissen mĂŒndlich ĂŒberliefert wird. Griots waren königliche Berater, sind Weise, Bewahrer der Geschichte, der oralen Literatur und der Musik ihrer Heimat – das Siedlungsgebiet der Mandinke-Völker in Mali, Gambia und Senegal. Die berĂŒhmteste Griot-Familie ist die Sippe der Jobarteh – die Familie, bei der der MĂŒnchner, der sich inzwischen “Tormenta” – Spanisch fĂŒr “Sturm” – nannte, seine emotionale Heimat fand.

Seine Kora hat er selbst gebaut, aus einem KĂŒrbis, Kuhfell, Holz. Er kleidet sich in der Tradition Westafrikas, spricht die Sprache. Er ist zum Afrikaner geworden, zu einem Afrikaner, der zufĂ€llig in MĂŒnchen geboren und weiß ist. Er strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Das bestimmt auch seine intensive BĂŒhnenprĂ€senz – er muss nicht hektisch rumspringen, um wahrgenommen zu werden. Er ist da, im Hier und Jetzt.

Deswegen muss er sich auch nicht im mindesten um das kĂŒmmern, was andere westliche KĂŒnstler krampfhaft vorspiegeln wollen: um AuthentizitĂ€t. Er lebt das, was andere auf der BĂŒhne spielen. Und hat in seiner Band Jobarteh Kunda Mitmusiker, die diesen Weg mitgehen. Glaubhaft mitgehen, obwohl das ein zusammengewĂŒrfelter Haufen ist: Der Bassist kommt aus Italien, die Gitarristin aus den USA, die BackgroundsĂ€ngerin ist Deutsche, ein SĂ€nger und Percussionist stammt aus Aruba, der andere Percussionist aus dem Senegal. Sie alle bringen ihre musikalischen HintergrĂŒnde, ihre Erfahrungen ein und kreieren einen Bandsound, der vor allem eines ausdrĂŒckt: unbĂ€ndige Freude am Leben.

In Schubladen lĂ€sst sich diese Musik eher nicht stecken. Sie wird als Mischung aus African Roots, Reggae, Afrobeat und Pop beschrieben, als Mixtur aus traditioneller und Unterhaltungsmusik. Doch solche Schubladen braucht’s nicht. Lebensbejahend – das reicht. Jobarteh Kunda sprechen Herz, Hirn und Beine an. “Habt eine gute Zeit” – mehr Botschaft brauchen sie nicht fĂŒr ihr Publikum. Und diese Botschaft kommt zielsicher an: Mit seiner Musik und seinen Geschichten mit tiefem Sinn und sehr viel Humor verfolgt Tormenta Jobarteh ein Ziel: Er will die Weisheit Westafrikas fĂŒr uns verstĂ€ndlich machen – jetzt und hier im Moment zu leben. Diese Weisheit wurde in Baumburg verstanden. Zumindest fĂŒr diesen Abend.